Das Leben mit Depressionen – ein Gastbeitrag

Ich schreibe ja glücklicherweise nicht nur über Paniermehl und Karotten, sondern gelegentlich auch über ernstere Dinge. So nun auch als Gastautorin im Blog meines Lebenspartners. Das spielt deshalb eine Rolle, da dieses Blog einen Einblick in das Leben eines Menschen mit Depressionen gewährt und ich als Teil dieses Lebens nicht selten mit Dingen konfrontiert bin, die man auch mit Paniermehl nicht verstecken kann. Trotzdem finde ich die Arbeit, die er in dieses Projekt steckt und den Aufruf, den er damit suggeriert, äußerst wichtig und wollte gerne einen Beitrag leisten. Nach vielen Gedanken und Konfrontation mit mir selbst und dem Grad meiner Liebe gibt’s das Ergebnis nun auf dasgegenteilvontraurig zu lesen. Warum es mir vielleicht leichter möglich ist, die eine oder andere Untiefe des Lebens mit mehr Leichtigkeit zu überstehen und zu verstehen, erklärt ein bisschen dieser Text.

Das Mädchen auf der Schaukel

Das Mädchen auf der Schaukel singt:

Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm.

Es starrt einfach in’s Leere und grinst sehr dumm.

Sag, was warf das Männlein ein, dass muss ja was ganz Hartes sein.

Ist platt und weiß beinah wie seinen eigener Totenschein.

Ich bin dieses Männlein.

Kann mich dunkel dran erinnern, mal ein Mann gewesen zu sein.

Ich hieß Johannes, oder vielleicht auch Thomas

und hatte eigentlich nie Lust auf sowas,

aber die pure Existenz chemischer Substanzen

und einiger psychedelisch wirkendere Pflanzen

rechtfertig auch die Existenz meiner Lust mich aufzulehnen

gegen den tiefen Frust,

den Nichtkonsum in einem Menschen weckt,

der mit der Nase im Koks und der Nadel im Arm bezweckt,

Freunde zu finden.

Ich bin dieses Männlein.

Kann mich schwach daran erinnern, mal ein Mensch gewesen zu sein

und sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Nicht mal beide Beine tragen mein Gewicht,

geschweige denn Eines,

auf dem ich durch mein Leben stolper.

Auf der Flucht vor dem gierigen Verfolger namens Drogentod.

Und  mit süchtigen Fingern  strapaziere ich das Lot

zwischen leben und sterben bis zum zerreißen.

Ich war dieses Männlein.

Konnte mich erinnern, mal Schüler gewesen zu sein

und später nur noch einsam

ohne Aussicht auf etwas, das heilsam gewesen wäre.

Konnte mich erinnern mal Sohn gewesen zu sein

und später nur noch Ausschuss, Kollateralschaden und allein.

Konnte mich erinnern, dass ich mich mal erinnern wollte,

falls etwas anderes als ich die Oberhand gewinnen sollte

und erinnere mich an Wärme…

die so weit ab vom goldnen Schuss ist,

dass ich fast sicher bin, das man mich vielleicht nicht vergisst.

Ich war dieses Männlein

und jetzt schreibst du meinen Namen auf einen Grabstein.

Kannst dich erinnern, mal Freundin gewesen zu sein

von ganzem Herzen und nicht nur zum Schein

weil meine Tüte immer rumging

und jeder Idiot bei mir rumhing,

sondern weil du mich liebtest.

Auch dann noch, als ich platt und weiß wie mein Totenschein ins Leere starrte.

Das Mädchen auf der Schaukel singt:

Dünn, ja dünn, sind alle meine Kleider.

Dünn , ja dünn, ist alles, was ich trag.

Darum lieb ich alles was so dünn ist,

weil mein Schatz nur dünne Frauen mag.

Ich bin dieses Frau

ohne Kraft zum stehen.

Die Hände ganz rau vom Kotzen gehen

und gegen Wände schlagen um den Hunger zu vertreiben

nur um nicht zu versagen

und in der Form zu bleiben.

„Nichts schmeckt so gut, wie sich Hunger anfühlt“,

steht unter meinem Herzen auf die Rippen tätowier.

Hab mich bemüht, dass mein Körper auskühlt

und mich dann nackt vorm Spiegel fotografiert,

um zu beweisen, dass ich …stärker als ich selbst sein kann.

Ich bin diese Frau,

die Menschen zu sehr liebt

und sich deshalb nicht den kleinsten Makel vergibt,

weil ich perfekt sein will für die Welt

und alles, was Menschen zusammenhält,

denn mich selbst… kann ich schon lange nicht mehr halten

und zu viel Gewicht liegt mir auf den Lippen

und wird auch nicht weniger durch Coke Zero getränkte Watteklumpen und Kippen,

von denen ich mich ernähre.

Ich war diese Frau.

Für ein tristes Leben viel zu schlau

und ständig auf der Suche nach Abenteuern,

nach ausgereizten Grenzen und Höllenfeuern,

um mich selbst gelegentlich mal zu spüren

und meine Seele nicht nur mit Selbstqual zu berühren.

Ich wollte einfach in Luft übergehen,

zwischen Regentropfen tanzen und trotzdem im Trocknen stehn

und mich einfach übersehen lassen…

um euch dann dafür zu hassen, dass ihr mich nicht gesehen habt.

Ich war diese Frau

und jetzt sind deine Finger ganz blau,

weil du beim weinen zu stark deine Hände verschlingst

und fassungslos um Antworten ringst.

Nach Worten, die du denne, die es wagten, mich zu brechen, entgegenschleudern kannst,

um mich vielleicht irgenwie zu rächen.

Aber du bleibst stumm,

denn bist nun die Frau, die die Welt nicht mehr versteht,

weil sie sich für mich einfach nicht mehr weiterdreht,

weil mein Hunger nach Liebe zu groß und mein Mut zu klein schien

und ich von einer Lebenden zu einer toten Leiche geworden bin.

Weil ich meinen Eltern die Tochter raubte

und dir die Schwester im Herzen

und das einzige was bleibt ist eine verstaubte Gedenktafel

und schwach flackernde Kerzen.

Ich bin das Mädchen auf der Schaukel!

Süchtig nach dem Wind im Haar,

nach dem Kribbeln im Bauch und schönen Träumen

und nach Erinnerung an das, was war.

Ich bin süchtig nach Leben, nach dem Lauf der Dinge,

nach Kinderliedern, die ich lauthals singe,

nach dem Duft von Regen wenn ich in Pfützen springe

und dem Lachen meiner Mutter, wenn ich Blumen mitbringe.

Ich bin süchtig nach Licht,

nach Sonne und Wärme,

nach dem Funkeln, wenn sich ein Strahl in einer Schneeflocke bricht.

Ich bin süchtig nach schlagenden Herzen und funkelnden Augen,

nach Worten, die auch zum zuhören taugen.

Ich bin süchtig nach Liebe sammeln und Liebe schenken

und nach Gedanken, die wir – ausnahmsweise – auch mal gerne denken.

Ich bin süchtig, weil ihr süchig wart

und kein Wort beschreibt, wie sehr ihr mir fehlt.

Ich werde nicht vergessen, wie ihr mich berührt habt

und das ist das eizige,

was für mich noch zählt.

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10 Gedanken zu “Das Leben mit Depressionen – ein Gastbeitrag

      1. Oder so! Ich werd‘ mal heute Abend nen Kommentar dazu schreiben. Einen etwas längeren auf meinem Blog. Ist der erste poetische Beitrag, der man Herz berührt hat. (in einem Poetry Slam)

  1. Liebe deine Offenheit und deine Gefühlswelt.
    Wenn Dir Fotos von mir gefallen,
    willst Du was für deinen Blog oder sonst wie verwenden
    (m. Quellenangabe & Benachrichtigung)?
    lg Hans 🙂

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