Das Schweigen der Kenner

Lustein

In der Ruhe liegt die Kraft.

Geduld ist eine Tugend. Zeit ist relativ. Morgen kommt der Weihnachtsmann, IHR BLÖDIS!  Die Weisheiten der Generationen „Hast du es eilig, setzt dich hin“-Prediger sind mein persönliches Äquivalent zur Weltformel. Theoretisch möglich, aber praktisch kannste auch mit nem Einhorn zur Arbeit reiten. Herr Einstein: E=mc²…was soll das sein? Eile=müde*doppelte Cola? Erfolg=Macht* (Charakter*Charme)? Erfüllung=Mensch*bei beiden stimmt die Chemie? Erholung=Meuterei* mindestens zwei verpasste Chancen?

Endstation=mach ich nicht*Chaos²!

Energie=Masse* Lichtgeschwindigkeit². Das hält mich also auf dem Boden. Wenn ich mich schneller bewege, als ich eigentlich kann und dabei immer schwerer werde, presst mich die Energie, die ich freisetzte, also nach unten. Tolle Nummer. Deshalb kommt der Weihnachtsmann auch nicht schon heute. Schafft der gar nicht. Liegt einfach irgendwo rum, der faule Sack. Obwohl man doch die Feste feiern soll, wie sie fallen. Vielleicht sollte man lieber da feiern, wo die Menschen fallen. Dann wäre überall und ständig Party. Wenn noch jemand die Kraft hat.

Ein erfolgreicher Mensch, der privat und beruflich erfüllt ist, dabei aber auch schön erholt und dass schnell schnell. Das will ich also sein. Das soll ich also sein. Und dabei soll ich mich auch noch ständig hinsetzen. Sitzen und was schaffen. Ruhig. Auf dem Boden. Sonst stimmt die Formel nicht mehr.

Also setzt ich mich jetzt mal hin und stelle meine Weltformel auf:

Ich= (Freunde*Liebe*Familie)*(Geld*Perspektive*Bildung)*(Träume*Abenteuer*Freiheit*Sicherheit)* warme Füße² – Schädliche Einflüsse (Vakuum also…)

Das Ganze ist aber bekanntlich immer mehr als die Summer seiner Teile. Selbst, wenn ich all das hätte, all das schaffen würde, würde immer irgendwas fehlen. Dauerhafte Zufriedenheit zum Beispiel! Und deshalb funktioniert die Formel auch nur, wenn man sie am ziemlich schlüpfrigen Ende des Regenbogens aufstellt.

Also, ihr Freunde, die ich nur selten zu haben glaube, du Familie, die zu weit weg ist, du Liebe, die hoffentlich die Reise überlebt, lasst und doch frei und abenteuerlich die Sicherheit am Ende des Regenbogens suchen und uns wohl gebildet und im Wohlstand schwimmend die Füße in Nerzpantoffeln wärmen.

Naaaa? Siehste, darum ist es ja auch die Weltformel. Dass Dinge nicht funktionieren, bis einer das Gegenteil beweist, wissen wir ja nun. Darum ist es auch nicht schlimm. Dass Dinge, die bisher angeblich funktionierten, plötzlich nicht mehr klappen, darf aber nicht sein.

Horden an Müttern, die anstandslos 28 Kinder gebaren, aufzogen und mit 2 Jobs á 60 Stunden die Woche ernährten, während sie auch noch glücklich Rosen pflanzend, das Haus in Schuss hielten.

Väter, die die Geschicke das Landes lenkten und das aus Gruben und von Baugerüsten aus und dabei mit ihren 112 Enkeln Fußball spielten und ein Liedchen pfiffen. Erhobene Zeigefinger überall, dass dies die einzige Geschichte sei, die sich wirklich unverfälscht so zugetragen hat. Eine Welle an Schuld, wenn man bezweifelt, dass diese Formel nicht auch eher die einer implodierenden Lüge war. Und selbst wenn unterstelle ich, dass das „mehr als die Summe seiner Teilchen“, nämlich die Zufriedenheit, hier genauso lange gesucht werden kann, wie das Ende des Regenbogens. Und trotzdem muss ich mitmachen. Sonst ist Endstation. Sonst Stimmt die Formel meiner Vorfahren und meine eigene nicht. Dann ist Chaos. Also Lichtgeschwindigkeit verdoppeln! Ich kann aber gar nicht mehr so schnell lesen, wie ich mich bilde muss. Gar nicht so schnell die Zeit anhalten, um mehr arbeiten zu können. Gar nicht mehr so schnell vögeln, wie ich Kinder gebären soll. Gar nicht so schnell die Mundwinkel nach oben ziehen, damit keiner merkt, dass ich unzufrieden bin.

Ich kämpfe heute nicht mehr ums äußere Überleben, das stimmt. Und ich bin froh darüber. Aber ich führe einen ganz anderen Kampf. Ich versuche, nicht innerlich zu kündigen. Und zwar dem Spaß am Dasein. Weil die Formel nicht aufgeht und ich mich schäme, dass ich der Geschichte aller Eltern dieser Welt nicht gerecht werden kann. Weil ich mich schäme, dass ich nicht Hunger leidend oder schwer krank froh darüber bin, überhaupt am Leben zu sein. Dass ich es wage, zu äußern, dass ich manchmal ganz schön angestrengt bin, auch wenn ich nur mein inneres Kind hüten muss, damit es nicht unter die Räder gerät. Weil sich die Zeiten geändert haben. Lichtgeschwindigkeit². Und deshalb würde ich auch nie jemandem sagen, dass ich nicht zufrieden bin. Schweigen. Und mit mir Millionen andere, die genauso schweigen.

Weil wir Dinge nicht schaffen, die wir schaffen sollte. Und wenn wir schon nichts schaffen, sollten wir wenigstens zufrieden sein.

Also befolge ich den Rat der Weisen und setze mich hin. Weil ich es zu Eilig habe, mich schlecht zu fühlen. Ich versuche, wenn schon nicht erfolgreich und erholt, wenigstens erfüllt zu sein. Pflanze Kräuter, die nicht schnell genug wachsen, versuche Abende zu genießen, die nicht schnell genug vorbei sind, treffe Menschen, die ich nicht schnell genug binden kann. Ich kann mich nicht von der Formel lösen. Der Versuch, meine innere Geschwindigkeit zu drosseln, scheitert schlussendlich daran, dass Einstein recht hat. Ich bin zu schwer, um leicht zu sein. Und immer noch zu schnell, auch wenn die Formel sagt, ich bin zu langsam. Zeit ist relativ. Wenn der Weihnachtsmann dann irgendwann mal kommt, wünsche ich mir diesmal nur Gelassenheit und Gewissheit, dass zumindest eine Formel stimmt: Erschöpfung= Märchen*(charmant, dass du dran glaubst*chancenlos, das Gegenteil zu beweisen) … und ein Paar Nerzpantoffeln.

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