Was du nicht willst, das man dir tu – ein angemessen verzweifelter Ausblick auf die Lage der Nation

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Jeden Morgen das gleiche Ritual. Kaffee kochen, Kippe an, Handy raus und einen Überblick verschafft, ob die Welt in der letzten Nacht untergegangen ist und ich das einfach verschlafen habe. Puh, noch nicht SO schlimm, dass sich ein kurzer Verzweiflungsausbruch über das, was momentan auf dem Globus und in den kleinen Kosmen vor der eigenen Haustür passiert, nicht lohnen würde. Nachdem ich fertig bin mit dem Verzweifeln, müsste ich eigentlich duschen gehen. Aber Tag für Tag fällt mir das schwerer, weil ich den Angstschweiß nicht mit Wasser wegspülen kann und die politischen und gesellschaftlichen Fragen, die so dringend einer Lösung bedürfen, beim darüber Verzweifeln nur noch mehr Fragen aufwerfen. Ich suche fieberhaft nach Antworten. Die einzige, die ich finde, ist die:
„Ich verstehe diese Welt nicht mehr und verdammt, ich habe keine Ahnung, wie ich das ändern kann!“.

Besonders erschreckend präsentierte sich der heutige Morgen im schimmligen Schein der Erkenntnis, dass mein allerletzter Gedanke der an die Politik ist. Schlagzeilen schießen mir in den Sinn:
„Die Demokratie frisst ihre Kinder!“,
„Die Emanzipation frisst ihre Töchter!“,
„Die Integration frisst ihre Macher!“,
„Der Frieden frisst seine Kämpfer!“,
„Die Politik frisst nur noch Geld!“,
„Die Wirtschaft frisst die Politik!“,
„Die Homosexuellen fressen unsere Schulbücher!“,
„Die Nazis fressen die Vororte!“,

„Die Radikalislamisten fressen die Satire!“
„Die AfD friss die Landtage!“,
„Der IS frisst sich langsam in die Türkei!“,
„Russland frisst ganze Inseln!“

„Der wütende Mob frisst Flüchtlinge am liebsten gut durchgebraten.“

„Und das Volk frisst alles, solange es nicht tödlich aussieht und nur schwer genug im Magen liegt, damit man in einer gemütlichen Schnitzelstarre versinken darf“.

Ich habe Angst. Ich bin schon immer eine besorgte Beobachterin, aber der Ausbruch von panischem Herumtigern im Kopfkäfig ist mir neu. Ich habe Angst, eine Meinung zu haben, weil urteilen einem einzelnen Menschen nicht zusteht. Ich habe Angst, Fragen zu stellen, um nicht Gefahr zu laufen, mich lediglich für ein kleineres Übel entscheiden zu müssen. Ich habe Angst, zu hart mit der Jugend und besonders jungen Frauen ins Gericht zu gehen. Ich habe Angst, Erwachsenen ihre Mündigkeit abzusprechen. Ich habe Angst, zu wenig zu wissen, um Standpunkte halten zu können. Ich habe Angst, im Rock auf die Straße zu gehen. Ich habe Angst, dass die Menschen in diesem Land plötzlich Masken fallen lassen, von denen ich bisher nichts wusste und dahinter nur Dummheit und Feindseligkeit zum Vorschein kommen. Ich habe Angst davor, dass nichts mehr irgendeine Konsequenz zu haben scheint. Ich habe Angst davor, dass es schon zu spät ist und ich habe Angst davor, dass ich eigentlich nicht so genau weiß, wovor ich konkret Angst habe, außer vor diesem dumpfen Gefühl, dass die Welt gerade auf allen Ebenen auf eine ziemliche Katastrophe zusteuert.

Ich versuche, Wissen anzuhäufen, um meinen Ängsten ein Gesicht zu geben. Ich lese den Koran und die Bibel, Parteiprogramme von AfD und NPD, Theorien von Rechten Aluhutträgern auf Montags-Demos, Pegida-Forderungen, die Bildzeitung und tausende Statements von jungen Frauen, die gerne ihre Freiheit für ein bisschen „Zuneigung“ aufgeben. Ich studiere BWL, nicht um wirtschaftlich zu handeln, sondern um den Feind zu kennen. Ich versuche irgendeine brauchbare Erklärung dafür zu finden, warum Menschen so einen Hass auf Homosexualität empfinden.Ich heule vor Videos von Nazi- und Hooliganaufmärschen und den tausenden widerwärtigen Facebook Kommentaren zur Flüchtlingsthematik, bei denen man sich nur noch schämen kann.

Ich probiere, die Medien nach einem Fünkchen Haltung zu filtern und ich versuche mir händeringend vorzustellen, dass Edward Snowden noch lebt.

Antworten finde ich nicht. Nur die wage Vermutung, dass die Menschheit offenbar nicht in der Lage ist, ohne Führung miteinander zu leben und dass die, die hier ihre Chance zum Führen sehen, mit dem Konzept „miteinander“ nichts anfangen können. Und was ist aus der simplen Weisheit „Was du nicht willst, das man dir tu…“ geworden? Ist das nicht mehr krass genug? Scheiße, mehr muss sich Homo Sapiens doch nun wirklich nicht merken. Ein einziger Satz, der alle welterschütternden Konflikte pauschal ausschließt.

Jaja, ich weiß, das ist leider zu kurz gedacht und entspringt einem beinahe naivem Wunsch nach Frieden.
Doch ich weiß schon gar nicht mehr, wo ich mit dem Denken und Wünschen anfangen soll und gleichzeitig denke ich schuldbewusst, dass man an diesem Punkt schon fast nicht mehr friedlich handeln kann.

Ich bin keine Freundin von unreflektiert in den Orbit gepusteten Gedanken, doch ich mache mal eine Ausnahme. Wenn ich mir was wünsche dürfte, nur für dieses Land, dann wäre es folgendes:
Ich möchte Bildungszwang. Eltern- und Erwachsenenbildung genauso, wie ein Bildungssystem, dass sich sowohl an der Realität der Welt, als auch an der Realität der Lernenden orientiert. Ich will, dass Sozialarbeiter und Pädagogen ein fester Bestandteil aller öffentlichen Einrichtungen werden. Ich will, dass Polizisten und Sicherheitsleute auf ihre Ideologie abgeklopft werden. Ich will überhaupt keine Ideologien mehr, außer die der gegenseitigen Rücksichtnahme. Ich will, dass junge Mädchen darüber aufgeklärt werden, was ihre Mütter für sie an Freiheiten erkämpft haben und ich will, dass diese Freiheiten nicht benutzt werden, um den Spieß umzudrehen und sich an den Männern für die letzten Jahrhunderte zu rächen. Ich will kulturelle Vielfalt, aber ich will mich nicht einer Kultur beugen müssen, die ich nicht als die meine empfinde. Ich will, dass „Geschlecht haben“ und „Mensch sein“ endlich getrennte Bedeutungen haben. Ich will ein Grundeinkommen für alle, damit Ungleichheiten an den Entstehungsherden von Feindschaft ausgeräumt sind. Ich will eine Liste von Homophoben Paaren und jeden Abend, wenn sie gemeinsam in ihr unterkühltes Bett gehen, soll eine Masse von Menschen vor dem Schlafzimmerfenster stehen und laut „Igitt“ schreien. Ich will ein Grundverständnis von Aufmerksamkeit und Zuneigung gegenüber allen menschlichen Lebens, egal wie unterschiedlich es auch sein mag. Ich will, dass die Menschen nicht mehr dumm sein wollen. Ich will, dass die komplette Welt auf einem Wissens- und Entwicklungsstand ist, auch wenn alle reichen Nationen dieser Welt dafür endlich mal was abgeben müssen. Ich will im Rock in den Supermarkt gehen können, ohne für die Hälfte der Passanten eine Hure zu sein. Ich will Transparenz in allen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Ich will, dass Religion nicht mehr als Deckmantel für Ideologie benutzt wird. Die Menschheit ist zu alt, um noch an den Weihnachtsmann zu glauben. Ich will, dass diese Irren, die den Unterschied zwischen Geisteskrank und Glauben nicht kennen, weil sie…naja, geisteskrank sind, sich einfach in Luft auflösen. Ich will, dass all diese vor Dummheit und Hass triefenden Wahnsinnigen vor den Flüchtlingsunterkünften der Nation auf der Stelle weggesperrt werden , und wenn nicht, dann will ich eine Waffe.

Ich weiß, dass man das nicht sagen darf, aber ich ertappe mich dabei, dass ich genau das denke und ich wünsche mir am allermeisten, dass ich das nicht mehr denken muss. Ich versuche mich mit halbgaren Erklärungen aus meiner eigenen gedanklichen Radikalisierung zu retten.

Ich vergleiche Homophobie mit der unerklärlichen Angst vor Spinnen, rechtfertige Belästigung mit kulturellen Unterschieden, beruhige mich damit, dass die radikalen Nazis, Religionsfanatiker, Unternehmen, Politiker, Rassisten und Völkermörder im Vergleich zu gesamten Menschheit doch noch wenige sind und dass irgendwann der Leidensdruck schon groß genug sein wird, damit sich die Menschheit wehrt gegen politische Untätigkeit und wirtschaftliche Einflüsse auf gesellschaftliche Entscheider. Oder zumindest dieses Land. Ich denke, dass das ja schon immer so war und die Bombe wohl nicht explodieren wird. Aber eigentlich bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Vieles ist neu. Wir sind freier, als es jemals eine Generation vor uns war. Wir sind vernetzter, als die Menschheit es sich noch vor 20 Jahren träumen ließ. Wir haben Zugang zu allen Informationen und sind in der Lage, wirklich zu entscheiden.

Und all das veranlasst die Menschen dazu…nichts davon zu nutzen? Das ist doch Irrsinn. Ein YouTube-Video zu teilen, retten kein Menschenleben.

Das wirklich Bittere an dieser Nicht-Haltung ist, dass man diesmal nicht sagen kann, man hätte von nichts gewusst. Wir steuern sehenden Auges auf Katastrophen zu und die, die das ganze in Bahnen lenken, sind gewiss nicht die, die vor dem Abgrund bremsen.

Ja, ich habe Angst. Ich hab Angst vor dir, liebe Menschheit und davor, dass du kein Gewissen mehr hast, wenn du schon dein urmenschliches Rückgrat aufgibst.

Ich möchte nicht akzeptieren müssen, dass unsere Art wirklich so ist. Dass sie einen Feind braucht und diesen in ihren eigenen Reihen sucht. Ich möchte nicht wahrhaben, dass wir Menschen faule Schweine werden, sobald es uns zu gut geht. Ich möchte nicht, dass wir aufhören, das Leben anderer zu schätzen, sobald es uns selbst schlecht geht. Ich kann nicht akzeptieren, dass wir uns weigern zu denken UND zu handeln und ein Herz zu haben, das nicht nur für uns selbst schlägt.

Ich will Liebe! Und wenn es soweit ist, will ich eine Schlagzeile, die verkündet, dass die Menschheit ihre Ängste gefressen hat und nun wirklich endlich satt ist.

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