Als ich einmal sagte, ich wäre Perfektionistin… und keiner mir glaubte.

(Ein wenig perfekter Gedankengang über pefektionistisches Prokrastinieren)

Ehrlich jetzt, ich glaube nicht, dass ich nichts zu Ende bringe.

Vielleicht verschiebe ich das eine auf morgen und das andere auf eine günstigere Gelegenheit, aber irgendwann – ja, irgendwann werde ich all die Dinge tun, bei denen ich mich selbst so oft in meiner Fantasie beobachte.

Ich werde versehentlich Meisterwerke malen und sie dann verschenken. Ich werde Poesie in spanischer, vielleicht auch französischer Sprache und diesem Kauderwelsch, das man in Australien Englisch nennt, genauso mühelos genießen können, wie in meinem geliebten, aber nicht überschätzen Deutsch. Ich werde die ästhetischste und funktional bestechendste Website programmieren, die das Internet je gesehen hat und sie nur mit freudvollen, kleinen Belanglosigkeiten füllen. Ich werde Wissenschaft und Kunst vereinen, denn beide sind so unschuldig in ihrer Verantwortung. Ich werde den Plan aufgeben, mich mittels Buttersäure in Lüftungsanlagen an Menschen rächen zu wollen. Ich werde eine Möglichkeit finden, eine Metapher aus einem Rezept für Schokoladeneis zu konstruieren, die Fanatismus unwiederbringlich ad Absurdum führt. Ich werde nur mit einem Stock und einem Stück Wäscheleine ein faires Wirtschaftssystem entwickeln. Ich werde das menschliche Gehirn verstehen und in Demut davon ablassen, es ständig verändern zu wollen. Ich werde mit einem abgeschlossen BWL Master in der Tasche als Wander-Philosophin durch die Welt streifen, Gras essen und Karnickel fangen und sollte ich mich entscheiden, irgendwann wieder sesshaft zu werden, werde ich eine Erkenntnis im Gepäck haben, die das Leid der Menschheit beendet – zumindest aber die, dass man auch ohne Jack Wolfskin Jacke einen Regenschauer überlebt.

Aber vorher, ja, vorher werde ich aufhören, so maßlos überheblich zu sein.

Das schöne an Theorie ist die mangelnde Verpflichtung zur Praxis. Ist man eine scheiternde Perfektionistin, wie mein – Achtung – Hang zum Galgenhumor mich gelegentlich nennt, kommt es auf die Tarnung an. Eine aufrechte Geisteshaltung und ein luftiges Gemüt umschmeicheln die jahrelang angehäuften Polster auf meiner To Do-Hüfte. In Anflügen von Völlerei verschlungenes Wissen täuscht verlässlich darüber hinweg, dass ich es nur noch parat habe, weil mein Körper es nicht verwerten kann. Die Fähigkeit, wirklich alles in dem Maße lernen zu könne, dass der Laie beeindruckt und der Fachmann zumindest nicht entsetzt ist, ermöglichen mir den wundervollen Satz: „Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist – nämlich dann, wenn die Erwartungen größer Null werden.“

Eines kann man aber nicht zum eigenen Vorteil verschleiern und das ist ein schlechtes Gewissen. Denn entgegen der landläufigen Meinung ist der perfektionistische Prokrastinierer kein Arschloch. Er ist nicht faul und auch kein Narzisst oder Schwätzer. Er ist nur nicht perfekt. In den eigenen Augen sowieso nicht, aber viel mehr läuft er Gefahr, dass der eigene Altruismus nicht ausreicht, nichts bringt, nicht wertig genug ist und dass man noch viel zu lernen hat. Und das macht ihn unsicher.

Mich macht das unsicher. Das alle anderen mich mit meinem eigenen, völlig übertriebenen Maßstab messen könnten (den ich aber wiederum nur an mich selbst anlege), hält mich davon ab, auch endlich mal was mit dem ganzen Wissen anzufangen. Fehlerfrei, versteht sich. Die einzige Tarnung, die hier greift, ist Überheblichkeit und die ist so hässlich, dass nur die Abgeschiedenheit ihre Anwesenheit ertragen kann. Und Bücher. Am besten die, die einem erklären, wie das Leben theoretisch in der Praxis funktionieren könnte.

Die Umsetzung überlasse ich dann aber lieber anderen, die wenige Schiss davor haben, dass sie scheitern könnten.

Ein bisschen Hoffnung gibt es dennoch. Wo geistesgestörte Fanatiker mit trägen Nörglern koexistieren, wo Menschen an der Welt erkranken und die Welt sich einfach umdreht, um wo anders Dschungelcamp zu gucken, wo Kinder ohne Ratschlag und Erwachsene ohne Rückgrat leben und wo ein Hand voll Menschen mächtiger, reicher und trotzdem weniger emphatische ist, als der Rest der Erdbevölkerung zusammen, da falle ich gar nicht auf.

Da fallen wir gar nicht auf, wir Klugscheißer.

Wir Theoretiker, die in der Praxis Angst vor Fehlern haben, weil wir der Meinung sind, dass es schon zu viele Fehler gibt. Wir, die Schlaues sagen, aber nicht mal was Dummes tun, die Arbeitsverweigerer des Halbgaren. Andere haben uns noch ein bisschen Gnadenfrist herausgeschlagen. Die Möglichkeit, uns von dem Gedanken frei zu machen, dass nur das Beste gut genug ist, dass nur die höchsten Ziele die Wichtigsten sind, dass der Weltfrieden gerade erst der Beginn sein sollte und dass wir unter einer Leistung von 150% gar nicht anfangen.

Das ich selbst nicht perfekt bin, musste ich erstaunlicherweise nicht erst lernen, denn ich finde das gar nicht schlimm. Das ist auch nicht der Punkt. Ich glaube vielmehr, ich müsste es sein, um mich dem Leben in dem Maße erkenntlich zu zeigen, wie es das verdient hat. Eine unästhetischere Spaltung des Geistes und eine weniger perfekte Unart kann ich mir selbst in meiner Fantasie nicht ausmalen und die ist gut darin, das Unmögliche zu realisieren – theoretisch zumindest.

Irgendwann mal, ja, irgendwann, da werde ich alles machen, was ich mir so zusammenfantsiere. Aber vorher werde ich mein Bestes geben, nicht mehr mein Bestes geben zu wollen. Hundertprozentig!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Als ich einmal sagte, ich wäre Perfektionistin… und keiner mir glaubte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s