Gewogen, gemessen und für viel zu groß befunden oder: Tobi Katze und Horst Schulze Entrum im Solo-Doppelpack

(Mal ausnahmsweise nicht gelesen, dafür geguckt. Ist ja beinahe so schön wie ein Buch. In diesem Falle genauso toll)

Es ist ja nicht so, dass man die selben Nasen im beschaulichen Ruhrpott nicht immer wieder sieht. Auf allen Bühnen, ob groß oder klein, tummelt sich eine mittelgroße Hand voll wunderbarer Künstler, die ich mir gerne auch bis zur Mitquatsch-Reife anschauen kann. Wirkliche Überraschungen erlebt man dabei allerdings kaum noch. Gelegentlich fühlt es sich so an, als hätte man den Lieblingsfilm schon lange nicht mehr gesehen und würde jedes noch so kleine Detail mit Spannung erwarten – natürlich passiert dann trotzdem nichts Neues. Der Vampir glitzert, der Gute kriegt das Mädchen, alle tot.

 Anders bei diesen beiden Herren. Horst Schulze Entrum und Tobi Katze betraten am Dienstag gemeinsam und doch jeder für sich im Rahmen der Veranstaltungsreihe Ekamina im großartigen Sissikingkong in Dortmund die Bühne und ich weiß nicht, was sie taten, aber sie taten es anders und besonders besonders und ich, mit der Einstellung, mich von einer netten, von grundauf soliden Show aus Kabarett und Bühnenliteratur einlullen lassen zu dürfen, wäre beinahe aus den Latschen gekippt, hätte ich nicht schon gemütlich auf dem Sofa gehockt. So musste es reichen, die Stinkstiefel unbemerkt in’s Bierglas des Sitznachbarn zu dippen. Irgendwas mit Metapher muss ja, also in diesem Fall kalte Füße für mein vorschnelles Urteil.

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Tobi Katze, der seit vielen Jahren auf Poetry Slams und Lesebühnen anzutreffen ist, eröffnete die 1 ½ Stunden währende Show. Was folgte war ein wahres Dauerfeuer an skurril-komischer Bühnenliteratur, dass aus dem prall gefüllten Sissikingkong eine sich kringlig lachende und gespannt lauschende Masse machte. Anders, als bei Slam Veranstaltungen, siedelte sich der Durchschnitt des Publikums in der weitläufigen Alterssparte 30-50 an und ich spekuliere mal mutig und behaupte, dass das der Auslöser für einen ebenso reiferen Auftritt war.  Hier galt es nicht, Erstsemester zu bespaßen und das schien ungeahnte und monumental großartige Qualitäten in Tobi Katze zu wecken. Katze las und spielte sich die Seele aus dem Leib und das Publikum (inklusive mir) dankte es mit Bauchschmerzen verursachendem Lachen und donnerndem Applaus.

Steht ein Künstler häufig mit seinem Soloprogramm auf der Bühne, stellt sich zwangsläufig irgendwann ein gewohnter Ablauf ein. Kommt man als Zuschauer in den Genuss – oder auch in die Verlegenheit – einer Show mehrfach beizuwohnen, wird man, wie anfangs erwähnt, über die Spannung des Lieblingsfilmes kaum mehr hinauskommen. An diesem Abend allerdings war alles anders. Herr Katze schmiss sein Konzept völlig über den Haufen und einige seiner Klassiker kurzerhand aus dem Programm und verwöhnte die Zuhörer und –schauer und Zuhörerinnen und –schauerinnen mit teils völlig neuem, teils lange verschollenem und zu guter letzt völlig für Slam-Auftritte ungeeignetem Material, das auf  einer Bühne, die dem Künstler genügend Raum lässt, zu völlig wahnsinnigen Größen erwuchs. Den Daurbrenner „Ute“, die brandneue Fortsetzung und zu meiner ganz persönlichen Freude auch wieder einen Happen Lyrik gab’s natürlich während Katzes Solo trotzdem zu hören.

 Nach guten 45 Minuten Spielzeit beraumten die Herren eine Pause an und der geneigte Zuschauer fragte sich völlig begeistert, was da jetzt noch kommen soll. Aber es kam etwas. Etwas Mächtiges. Es kam Horst Schulze Entrum.

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Dieser Mann, der, wie ich hiemit feierlich enthülle, einen Künstlernamen trägt, machte im zweiten Teil der Show so ziemlich alles platt, was Tobi Katze übrig gelassen hatte und nicht aus 3 Tonnen Stahlbeton bestand…und zündete es anschließend an. Bisher kannte ich Schulze Entrum nur von durchschnittlich erfolgreichen Slam-Auftritten und als übermäßig begabten Drehbuchautor. Jetzt erklärt sich auch, warum. Dieser Mann braucht Platz. Und zwar viel Platz.

Das spießige Alter-Ego Horst, das teils pedantisch wetternd hinter ein Keyboard geklemmt, teils gedankenverloren stotternd und sinnierend am Mikrophon stehend, Geschichten aus dem Leben eines absoluten Versagers erzählt, entfaltet die (in diesem Falle mehr als positiv gemeinte) Wirkung eines einzigartigen Autounfalls. Wegschauen unmöglich! Man stelle sich folgendes Szenario vor: Horst fährt mit einem Clown-Auto sachte gegen einen Stein, den ihm das Leben in den Weg geworfen hat. Während Schulze Entrum im Auto sitzen bleibt und sich über die Bösartigkeit des Lebens echauffiert, bricht rings um ihn her ein Sarkasmus staubender Kohleschacht in sich zusammen und Horst ist auf seiner Insel gefangen. So und nicht anders empfinde ich eine Show Horst Schulze Entrums. Das für einen Kabarettisten mit derartigem Wirkungsfeld in den 5 Minuten einer Slambühne einfach nicht genug Platz ist, muss nicht erklärt werden. Horst Schulze Entrum beschreibt brilliant, völlig verzweifelt und trotzdem von sich selbst überzeugt seine Kontrollzwänge, den scheiternden Versuch, sich der Damenwelt als Toaster zu verkaufen und die Konditionierung seiner Nichte, die hoffentlich irgendwann, wenn sein Leben dem Ende zugeht, den Stecker ziehen wird. Zwischenapplaus, ungehaltene Lachkrämpfe im Publikum und völlige Fassungslosigkeit ob des so sympathischen Widerlings auf der Bühne scheinen Schulze Entrum nicht im Ansatz zu stören und schüren eher das absurde Feuer seiner Erzählungen. Zusätzlich begleitet er sich gekonnt ungekonnt auf dem Keyboard. Dazu passend erzählt er dem den Lachtrännen nahen Publikum natürlich auch, woher er seine Fähigkeiten an den Tasten hat. Um der Kunst die Krone aufzusetzen, zündet sich Horst im „Zuge“ einer 70er Jahre Ruhrpott Geschichte auf der Bühne eine Zigarette an und tritt dem raucherfeindlichen NRW völlig unbedarft in die…äh…Kniekehle. Was soll man dazu noch sagen? Dieser Mann ist großartig! Ein bisher viel zu unbekannter Kabarettist, den ich gedanklich doppelt rot umkringeln werde.

 Rumfazitieren muss ich trotz der überschäumenden Begeisterung aber noch: diese beiden Männer brauchen Raum! Jeder einzeln und beide zusammen erst Recht. Haben sie den, passieren Wunder. Grandiose Texte in allen Farben des Humors schimmernd ergeben, gemischt mit Spuren der Verzweiflung und der schlichten Absurdität des Lebens, eine gnadenlos ehrliche und gnadenlos liebenswürdige Show mit Lachgarantie. Im Gegensatz zu vielen Bühnenkollegen kommt hier aber auch das Quäntchen Nachdenklichkeit nicht zu kurz.

 Wer hätte gedacht, dass diese beiden Herrschaften gemeinsam auf einer Bühne mehr als gut funktionieren und sich darüber hinaus auch noch in qualitativ ungeahnte Höhen katapultieren.

Gebt ihnen den Platz!

Zu guter letzt wie immer die praktischen Haushaltstipps, Kleinanzeigen und Infos zu den Künstlern, sowie das Horoskop der kommenden Woche:

 Horst Schulze Entrums brandneue Homepage (inkl. Videos): http://horst-schulze-entrum.de/

Tobi Katzes brandneu überarbeitete Homepage: http://www.derkatze.de/

Der Terminkalender der Ekamina Veranstaltungsreihe: http://www.ekamina.de/

 Bier trinken und Kultur? Sissikingkong!: http://www.sissikingkong.de/

Kurzer Geheimtipp aus der Klatsch und Tratsch Ecke: Tobi Katze hat ebenfalls im Sissikinkong eine Live-Show auf Tonspuren gebannt. Diese wird es im Laufe des Frühjahres als CD zum Erwerb anbieten, was sich schon alleine für Katzes unfassbar tiefe Stimme lohnt, geschwiege denn für die Texte. Feines Teil wird das. Tobi Katzes Buch „ROCKNROLLMITBUCHSTABEN“ (https://luisefrentzel.wordpress.com/2013/08/12/liebeserklarung-an-ein-buch-rocknrollmitbuchstaben-tobi-katze ) kann man auf der Homepage natürlich weiter direkt beim Autor kaufen oder ihm nach Shows am Bühnenrand eins aus dem Kreuz leiern.

Liebe Menschen, gebt der Kunst und den Künstlern jeglicher Form mehr Raum, indem ihr hingeht! Es lohnt sich…hart.

Bis demnächst, Freunde.

 

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Der George Clooney unter den Slam Poeten Büchern oder: „Ich mag Regen – traurige Liebesgeschichten aus meinem Leben“ ( Marvin Ruppert )

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Da ist sie nun endlich! Die fundierte, völlig objektive und allgemeingültige Rezension zu Marvin Rupperts Erstling „Ich mag Regen“. Das Titelbild erklärt die Reihenfolge der Rezensionen, denn wie es der Zufall wollte, kaufte ich zwei erwähnungswürdige Bücher an einem Abend. Nun also mit Euphorie: Ruppert.

Marvin Ruppert ist Poetry Slammer, studierter Psychologe, lebt im traumhaft schönen Studentenmekka Marburg und hat sich spätestens mit diesem Buch aufgemacht, die Mädchen- und Frauenherzen zum wild vor sich hin schmelzen und die Jungs- und Männerherzen zum insgeheimen neidisch sein zu bringen. Live ein Herzensbrecher, im Buch noch viel mehr.

Man sagt mir ja vieles nach – sensibel zu sein, gehört nicht dazu. Dass das völliger Unsinn ist, weiß ich schon, so lange ich mich kenne. Seit ich dieses Büchlein in die Finger bekommen habe, weiß es aber auch die gesamte Besatzung des Wagens 6 des ICE 612 von Frankfurt nach Dortmund, in dem ich begann, „Ich mag Regen“ zum ersten und nicht zum letzten Mal zu lesen. Unterdrücktes Kichern, freudiges Jappsen und romantisch-verklärtes Hachen ließ vermuten, dass ich entweder „das gute Zeug“ in die Finger bekommen habe, oder „Pretty Women“ schaue…oder eben Marvin Ruppert lese.

18 viel zu kurze „Kurze“ gibt’s in diesem Buch zu beschmachten. Prosa in Reinform. Magisch daran ist, dass der letzte Text „Woyzeck 2k13“ auf Seite 95 endet, das Buch aber (Trommelwirbel) 103 Seiten hat. Da wird sich doch nicht etwa ein liebevolles Detail wie ein versteckter Bonustext eingeschlichen haben? Genau das.

Und genauso liebevoll gestaltet sich auch der Rest. Im allerallerallerwahrsten Sinne des Wortes. Liebe in allen Farben und Formen ist das Hauptthema und wie die Liebe nun mal ist, wird sie auch nach dem hundertsten Mal nicht langweilig und sieht mit Sicherheit niemals gleich aus – besonderst, wenn sie enttäuscht wird. Deshalb geht es hier auch nur am Rande um andere Dinge, wie den urkomischen und pedantischen Drang, ein minimal schief hängendes Poster mit dem eleminieren der kompletten Einrichtung zu kompensieren und die erstaunliche Anwendungsvielfalt des „Pawlowschen Reflexes“. Der alltägliche Wahnsinn. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – findet sich wunderbar gewitz und leicht und gleichzeitig immer ein bisschen schwermütig-sehnsüchtig zwischen Stoffleoparden und Heuschnupfen, ziellosen Zugfahrten und Stricknadeln die Liebe, den Ruppert hat eins meisterhaft erkannt: Liebe ist überall.

Was dieses kleine Buch allerdings so besonders macht, ist Rupperts Fähigkeit, Kitsch nicht kitschig aussehen zu lassen. Ich würd sogar soweit gehen, die Phrase „zeitlos romantisch“ zu bemühen. Wenn man mal vorraussetzt, dass Marvin Ruppert der Marvin Ruppert des Buches ist und ich die Fleisch gewordene Sehnsucht nach einem Leben in Independent-Filmen zum schmachten mit Stil, Humor, Fingespitzengefühl und einer Botschaft, müsste ich mich augenblicklich in ihn und jedes einzelne Wort verlieben. Kein Buch hat es bisher geschafft, die Romantikerin in mir in einen regelrechten Knebelgriff zu nehmen und mich das auch noch toll finden zu lassen.

Gleichzeitig zeichnet Ruppert ein zeitgemäß passendes Männerbild, dass dem gängigen Klische des „weichgespülten Mannes“ entspricht, verträumt und alternativ durch den Tag stolpert und eigentlich auch nur Tee trinken, ein bisschen verrückt sein und geliebt werden will. Für gewöhnlich würge ich an dieser Stelle angewiedert. Anders bei diesem Buch. Ich weiß nicht, wie er es macht, aber dieser ursympathische Marvin, der hier durch die Seiten tollt, ist ein „echter Kerl“ und ein Romantiker zugleich, insofern sich das jemals ausgeschlossen hat. Man kauft es ihm ab, dass er wirklich wirklich wirklich Metal hört und dabei Kuchen backt. Und das ist gut so.

Marvin Ruppert schafft es, dass selbst die banalsten Dinge einzigartig werden. Wenn Bücher Ohrwürmer erzeugen können, dann wimmelt es in diesem nur so davon. Mein Liebster ist und bleibt das Wort „Ruppern“. Gäbe es einen Wikipedia Eintrag dazu, würde er wohl folgendermaßen lauten:

„Ruppern: In Marburg bei Sonnenschein an der Lahn sitzen und stricken.“

Großartig!!!

Zum Abschluss möchte ich noch meine Textempfehlung aussprechen: ALLE!

Und ganz zum Schluss wage ich einen Vergleich, der eigentlich das haarsträubendste Klischee von allen ist, aber an dieser Stelle nichts besser passen könnte. Wenn George Clooney der zeitlose Schwarm des weiblichen Geschlechts zwischen 14 und 80 Jahren ist, ist „Ich mag Regen“ das Buch gewordene Äquivalent.

„Ich mag Regen“ erschien erstmals im Eigenverlag.

Die überarbeitete Neuauflage erscheint nun am 23.1.14 im Satyr Verlag (http://satyr-verlag.de).

Dort, im Buchladen des Vertrauens oder autorenfreundlich bei Amazon (http://www.amazon.de/gp/product/3944035313/ref=as_li_qf_sp_asin_il_tl?ie=UTF8&camp=1638&creative=6742&creativeASIN=3944035313&linkCode=as2&tag=marvinruppert-21 ) kann es bereits für 8,90 Euro vorbestellt werden, oder aber bei einem der zahlreichen Live-Auftritte direkt beim Autor gekauft werden. Da kann man ihm wenigstens gleich verliebt in die Augen gucken.

Infos zu Marvin Ruppert, dem Buch, Live-Terminen und Sonstigem gibt’s unter: http://hallomarvin.wordpress.com/

Ich für meinen Teil geh jetzt mal schmachten. Euch viel Spaß beim Lesen.

Eine zu Recht gewonnene Schachpartie oder „Hauptsache nichts mit Menschen“ (Paul Bokowski)

Foto: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Einfach heulen reicht!

Um dem Recht am geistigen Eigentum Tribut zu zollen, muss zu Beginn erwähnt werden, dass der große Bo Wimmer einst die Bedeutung des 10-Punkte Applauses beim Poetry Slam mit besagter Schachpartie verglich. Alles andere schien mir aber zu geringfügig, um die 158 Seiten gelungenen Druckwerks angemessen zu umschreiben, die der Herr Bokowski da fabriziert hat, also klaue ich das einfach mal rotzfrech.

Wer ist dieser Bokowski? Wenn ich das nur wüsste…

Wahl-Berliner oder besser Wahl-Weddinger (darf man das so sagen?) polnischer Abstammung, Schriftsteller und Bühnenliterat, begnadeter Pancake-Bräter und Bäcker im Allgemeinen und der erste Mann, dem ich vom Fleck weg mein Herz schenken würde, wenn er nicht nichts für’s weibliche Geschlecht übrig hätte und kein Hypochonder wäre. Paul ist das wandelnde Berlin, auch wenn er das nicht gerne hört. Drückt dem Mann eine Flasche Bionade in die Hand und lasst ihn endlich diesen gottverdammten Flughafen bauen. Mit Worten! Und einer Karaoke Bar! Das könnte er nämlich.

Aber nun mal nicht abschweifen. Wie ich bereits bei meinem letzten Buch-Begeisterungssturm erwähnte, stürme ich nicht bei jedem Druckwerk der geschätzten Kollegen, was wie immer nichts mit einer Grundqualität zu tun hat, sondern mit dem besonderen Funken, der meinen dauereingeweichten Holzkopf erst mal entzünden muss. „Hauptsache nichts mit Menschen“ brennt und zwar ordentlich.

27 Einblicke in die Welt eines homosexuellen Hauptstädters, dessen Eltern ich nur zu gerne mal kennenlernen würde, denn die und deren elterntypischen Macken fließen gelegentlich sehr transparent in die Kurzprosa Bokowskis ein. Dialoge, die einem vor Witz die Latschen ausziehen und mich im Zug ständig mit dem Buch in der Hand auf die Toilette jagten, weil ich mir sonst unbeschuht eingepinkeln hätte vor lachen. War aber auch egal, denn durchgeknallter als das Gedruckte hätte auch die Realität nicht sein können.

Obwohl man sich beim Lesen nicht wirklich sicher sein kann, ob das alles nicht genau so passiert ist, hat mich besonders eine Tatsache völlig in ihren befremdlichen Bann gezogen: der Blick in’s schwule Leben. Völlig ungeschönt, völlig schonungslos und völlig selbstverständlich darf man den Ergüssen einer „Schlager-Nackt-Party“ beiwohnen, aber auch einfach nur skurrile Alltagssituationen aus gleichgeschlechtlicher Sicht betrachten. Denkt man als Hetero und besonders als Frau auch nicht so häufig drüber nach und nach kurzem Gewöhnen hat mich tatsächlich die Homoerotik gepackt.

Das ist allerdings nicht das einzige, was dieses Buch so besonders macht. Wer bereits mit offenen Augen durch Berlin gewandert ist und mit offenem Herzen und offenen Ohren seine Bewohner kennenlernen durfte, wird sich beim Großteil der Geschichten immer mal wieder zwicken müssen, um nicht jedes Wort für bare Münze zu nehmen. Banken sind völlig fassungslos, wenn Herr Bokowski Geld einzahlen möchte, Teppiche werden zu Todesfallen in weddinger Hausfluren, brandstiftende Göttinger und stinkende Nachbarsleichen beschnackt man mit der Nachbarin. Dazu immer der innere und äußere Lärm der Großstadt und zwar endlich mal nicht im Stile des ewig dagewesenen, langweilig-romantisierten Berlin-Blues’, sondern die zynische Realitätskeule mit einem ganz klaren Augenzwinkern. Wenn ich mich mal weit aus dem Fenster lehnen darf, würde ich mich zu der Behauptung hinreißen lassen, das Bokowski seine Stadt ganz dufte findet.

Besonders gelungen sind auch die kurzen Zwischenanekdoten, die vor die jeweiligen Kapitel gesetzt sind. Bowkowski hatte also Sex mit eine Frau und das einzige Ergebnis ist…klar, ne Geschlechtskrankheit. Das ganze, da nach Wochentagen geordnet, verstärkt beinahe noch das Gefühl, dass der Autor sich in seiner Krankheitsphase zu Hause verkrochen und jeden Tag ein neues Kapitel gezaubert hat, um dieses offenbar unschöne Erlebnis zu verdrängen. Großartig!

Fazit: bittersüße Storys aus einer liebevoll-grausamen Welt, im wahrsten Sinne des Wortes spritzig und mit diesem unbestimmten grunderhabenen Gefühl geschrieben. Und am Ende kommt es irgendwie immer anders, als man sich mit seinem viel zu kleinen Hirn ausmalt. Nachdem „Hauptsache nichts mit Menschen“ meinen Schädel in Flammen gesetzt hat, brennt jetzt definitiv „an eternal flame“ für den Autor und besonders für’s Buch, die darauf wartet, mit einer Fortsetzung gefüttert zu werden. Großes Kino!

„Hauptsache nichts mit Menschen“ ist im „Satyr-Verlag“ erschienen, kann aber großartiger Weise auch beim Autor direkt erworben werden. Auch der ist so fresh, da was Nettes reinzuschreiben, wenn man den Mumm hat, ihn nach einem Slam oder einer sonstigen Literaturshow am besten noch auf der Bühne anzuspringen und ihm herzlich über’s schnuckelige Gesicht zu lecken. Fragen reicht aber bestimmt auch…hab ich nicht probiert. 😛

Dass der Mann backen kann, war übrigens auch kein Scherz. Kann er, macht er, bloggt er drüber und das zur Freude seine tausenden Fans, die sich nach jeder neuen Rezeptveröffentlichung die Finger oder die Schüsseln (aus)lecken…echt jetzt. http://dermusshabensiebensachen.blogspot.de/

Dit waret dann heut mal von mir und dit hat ja sogar mal wieder Sinn gemacht…äh, jemacht…äh, ergeben. Mensch!

Liebeserklärung an ein Buch: „ROCKNROLLMITBUCHSTABEN“ (Tobi Katze)

Liebe Menschen und menschenähnliche Wesen, liebe lesefähige Organismen,

ich gebe zu, dass ich meinen liebgewonnenen Blog nur sehr unregelmäßig beglücke, eure schockierend bebilderten Droh- und Motivationsmails deshalb völlig berechtigt (und zugegeben beängstigend) sind und ich dann, wenn ich voller Scham ein paar Brocke fallen lasse, nur langweiligs Zeug zu meinem chaotisch-unsteten Alltag festhalte. Egomanisch-faules Menschlein, ich…

Darum mache ich heute etwas, was ich sonst nie tue und was im Grunde rein gar nichts mit mir zu tun hat, außer meinem Wohlgefühl nach dessen Konsum. Ich verbreite die frohe Kunde über ein Stück Literatur, dass mich so glücklich gemacht hat, wie schon lange kein Buch mehr. Das ist eine Liebeserklärung!

Ein junger Dortmunder mit dem wohlklingenden Namen Tobi Katze wuselt seit anbeginn der Zeit über die (Slam-) Bühnen, Papierseiten und die digitalen und analogen Medien der Republik. Das ist möglich, weil dieser Jungspund scheinbar nicht altert, in sich aber die Weisheit aller Generationen der Menschheit versammelt. Ganz ehrlich!

Mag man nun glauben oder nicht, was aber Fakt ist: dieser Mann hat ein Buch geschrieben.

„ROCKNROLLMITBUCHSTABEN“ nennt sich das feine Teil und beinhaltet sage und schreibe 43 schmackhafte Happen Lyrik und Kurzprosa, die man gerne noch hätte auf unendlich aufstocken dürfen.

Um dem Sträter mal die Vorworte aus dem Mund zu rauben: „ Tobi Katze hat ein Buch. Das wurde auch Zeit. Das war ja bei Leseshows und Poetry Slams nicht mehr mit anzusehen: Fremde schmiegten sich an ihn und verlangten nach Gedrucktem, aber Tobi hatte nur ein Schulterzucken dabei. Endlich hat’s ein Ende.“  Wer diesen Mann schon auf der Bühne bewundert hat, durfte sich  bereits mit der Katze eigenen Stimmung überziehen lassen: Wahnsinn in Kombination mit turbulentem Leben, handwerklichem Können und dem seltsamen Gefühl, irgendwie was Wahres gehört zu haben. Klar, dass einige das nicht verkraften und lieber früher als später die Flucht ergreifen, weil man ja vielleicht die Augen öffnen könnte.

Ich jedenfalls hätte, wenn ich nicht den festen Plan hätte, dieses Buch noch mehrfach zu lesen, beinahe mein Leben als Allesfresser über Board geworfen und wäre auf Papier umgestiegen, um den Rest meines Daseins davon zehren zu können. Alle wichtigen Mineralien und Spurenelemente sind hier definitiv enthalten. Von Lyrikdiamanten wie dem sowohl auf der Bühne, als auch auf Papier zutiefst mitreißenden „monopolar“, über die zum schreien surreal-komischen, natürlich völlig wahren, Kennenlernstorys mit Torsten Sträter in der Nebenrolle (man lernt sich immer mehrfach kennen), bis hin zu stilvoll verwursteten Alltagsspuren aus dem Leben eines (schreibenden) Menschen ist hier einfach alles zu finden.

Im Gegensatz zu Literaten, die die Bodenhaftung in ihren Erzählungen verlieren und einen in’s überanstrengende Universum des völligen Schwachsinns jagen, gelingt es dem Herrn Katze, das Gefühl zu vermitteln, dass man sein privates Tagebuch in einer finsteren Ecke in einer etwas skurrilen, zeitweilen auch verzweifelten, aber irgendwie zum Schluss immer humorvollen Welt gefunden hätte und die außergewöhliche Möglichkeit hat, in aller Ruhe zwischen heulen und kranklachen, Herzschmerz und Herzklopfen, Verwirrung und Klarheit und dem Abgrund und den Sternen hin und her zu schwappen. Irgendwas mit Bier ist auch immer. Oder Feuer. Oder Musik. Oder Filmen. Oder Menschen und manchmal auch Frauen. Oder, oder, oder…

Ich bin auf jeden Fall über alle Maßen begeistert, besonders da ich zu denen gehöre, die die Bücher ihrer Slammer-Kollegen tatsächlich liest und ich mich bisher noch nicht dazu berufen gefühlt habe, ein paar, geschweige denn viele, Worte darüber zu verlieren. Alles lesenswert, keine Frage, aber bisher übertrifft „ROCKNROLLMITBUCHSTABE“ alles. Um mich zu wiederholen: „Wenn seine Gedanken Bananen wären, wäre sie unbezahlbar“!

Infos zu Tobi Katze gibt’s unter www.derkatze.de

Bestellen kann man das Buch dort natürlich auch direkt beim Autor und wenn man nett fragt, schreibt er auch was Schönes rein. Ganz bestimmt!

Wer die Möglichkeit hat, den jungen Mann mit Soloshow, auf Lesebühnen oder bei Slams live zu erleben, sollte sich das auch auf keinen Fall entgehen lassen.

Damit verabschiede ich mich mit dem ersten sinnvollen Eintrag meiner unzuverlässigen Blogschreibwieeinregionalzug:kommtoderkommtnicht-Karriere und wünsche euch viel Spaß beim offenbarenden Lesen.

Tüdeltüüü!