Yolo, Diggi!

Das Wundervolle an Hypes sind… Hypes. Alle machen’s, wissen leider auch nicht warum und schämen sich deshalb so sehr, dass man einfach mitmachen darf, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Wer in der Welt, in der wir leben, noch behauptet, er hätte nichts vom „Protz Bischoff“, diversen Ski-Ausrutschern (haha…sorry), homosexuellen Fußballern und dem „Swag“ gehört, leugnet wahrscheinlich auch die Existenz der NSA und Facebooks und damit seine eigene. Besonders die Medienaffinen unter uns kommen schon beim checken der Mails nicht an den brandaktuellen Meldungen der Hypemaschine vorbei. Schlimm ist das eigentlich nicht, wenn nur nicht die wirklich wichtigen Geschehnisse der Welt völlig aus dem Fokus geraten würden und die Dringlichkeitspriorität der öffentlichen Aufmerksamkeit völlig gen Unterhaltung verschoben wären. Sobald „Angela Merkel“ im Titel der Online-Magazine und Printmedien erscheint, muss es ja Politik sein, denn wir wissen, dass sie auch mit dreifach gebrochenem Ohrläppchen noch was aus dem Bett und Bauch heraus entscheidet. Was sie da so vor sich hin entscheidet, ist nebensächlich. Entscheidungen müssen eh schon zu viele getroffen werden, da muss man sich nicht auch noch mit den Entscheidungen anderer behängen. Irgendwann is ja auch mal gut mit den Anstrengungen. Aber dazu später mehr.

Denn eigentlich soll es hier nicht um Kritik am Hype an sich gehen, denn genau auf diesen springe ich gerade quietschfidel auf, da auch ich als Social Network Tier nicht drum herum komme, mit Trends bombardiert zu werden und ich mich –  aus gegebenem Anlass aber schon etwas widerwillig – dazu entschieden habe, meiner Generation mal möglichst unvoreingenommen in’s Auge zu blicken. Das ist mir gründlich misslungen.

Ja, liebe Freunde, es geht im Folgenden um Julia Engelmann und das zur Zeit am häufigsten geklickte Slam Viedeo überhaupt. Julia Engelmann ist bremer Psychologiestudentin und hat das Glück und Pech zugleich, dass ein eifriger Journalist im Stern Online-Magazin ihren Auftritt beim „5. Bielefelder Hörsaal-Slam“ rezensierte. „Wer sich neben der üblichen Bild-Lektüre mal schlau fühlen möchte, liest Stern.“, hat meine Deutschlehrerin immer gesagt. Da kann Frau Engelmann nichts dafür, spricht aber für das, was gerade passiert: ein Hype. Die Leserschaft ist zahlreich, fähig, Inhalte, die über zwei Informationen in kurzen Abständen hinausgehen, sinnvoll zu verknüpfen und gewillt, sich unter dem Deckmäntelchen des Bedeutsamen manipulieren zu lassen. Auch da kann Julia Engelmann nichs dafür. Wofür sie allerdings was kann, ist der Text, den sie geschrieben hat. Damit ihr, wenn ihr bisher noch um dessen Konsum herumgekommen seid, wisst, worum es geht, hier das Artefakt, um das es sich handelt:

Vorweg: was man hier zu sehen bekommt, ist ein schöner, profesionell geschriebener und gut performter Text und Julia Engelmann hat das Schema „Publikumswirksamkeit als Gesamtpaket“ entweder von grundauf verstanden oder in die Wiege gelegt bekommen. Aus Sicht des Berufskünstlers ohne Frage gelungen und völlig gerechtfertig. Allerdings, und damit verlasse ich jetzt mal eisklat den Boden der Professionalität und werde Mensch und Zuschauer, bleibt Widerwille der Grundtenor meines Gefühls zu diesem Text.

„Boar krass, lass ma machen, Diggi!“, ist das, was mir Sekundenbruchteile nach dem letzten Wort durch den Kopf schießt. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn genau darauf zielt dieser Text ab. Lasst uns nicht mehr Generation XY, Generation Praktikum oder Generation „ich verhungere vor’m McDonalds Schalter, weil es mehr als einen Burger gibt“ sein, brüllt einem dieser Text trotz melancholischem Vortrag beinahe entgegen. „Wir“, womit wohl die weitgefasste Generation der 16-35 jährigen der westlichen Gefielde dieser Welt gemeint ist, können uns nicht entscheiden, sind lethargisch, „machen nicht einfach mal“. Wir denken zu viel und kommen desshalb nicht voran und besonders nicht aus uns raus und sind dazu noch unfassbar faul. Soweit sogut, denn ganz unrecht hat Julia Engelmann damit nicht. Ein „zu viel“ kann einen Menschen, der das „zu wenig“ nicht kennt, ausbremsen, vor unmögliche Entscheidungen stellen und damit lethargische Angst auslösen, unter den unzähligen Möglichkeiten die Falsche zu wählen. Große Pläne scheitern an der schlichten Tatsache, dass man sie umsetzten müsste. Reden ist Silber, machen ist Komposterde…macht sich von selbst, wenn man nur genug auf einen Haufen schmeißt und wartet. Mit diesem Vorwurf an „unsere“ Generation gehe ich mit und geh sogar noch den Schritt weiter, ihn als dramatisch zu empfinden. Das wirklich Schockierende an dieser Erkenntnis ist, dass eine Generation, die diesen Lebensstil pflegt und sich dessen offenbar sehr bewusst ist (warum sonst ein solcher Hype um einen Text, der eigentlich ein Schuss vor den Bug sein sollte?), keinerlei Konsequenzen drohen. Zumindest nicht in greifbarer Zukunft, die sich heute nur noch auf das nächste Jahr zu beschränken scheint. Irgendwer wird’s schon richten und offenbar richtet’s tatsächlich jemand. Und genau an dieser Stelle meldet sich mein Widerwille. Denn den Schluss, den Julia Engelmann aus dieser sehr bildhaften Situationsanalyse zieht, lässt sich am einfachsten mit dem Wort „Yolo“ umschreiben. Für die, denen gerade die Fragezeichen auf die Stirn geschrieben stehen, ein kleiner Lehrfilm:

Was soll das? Nach einer derartigen Anklage an das „nichts tun“ einer gesamten Generation folgt „immer noch nichts tun, aber wenigstens Spaß haben, weil das Leben irgendwann vorbei ist“?  Nach der – in diesem Kontext fragwürdigen –  Feststellung, dass denken bremst und wir alle zu faul sind, nicht die Kurve dahin zu kriegen, dass man vielleicht auch mehr als eine Handlung vollführen kann? Zum Beispiel denken und handeln? Oder um noch weiter zu gehen: denken, handeln, beim Handeln nicht nur an sich denken und daran Spaß haben? Diese Art zu leben bezeichnet man gemeinhin als Altruismus und sowohl die eigene Erfahrung als auch die Wissenschaft dürften unabhängig davon, an welchem Ort dieser Welt man sich gerade befindet, einschlägig bewiesen haben, dass altruistische Menschen die Glücklicheren sind. Ich möchte es auf den Punkt bringen, ohne dabei zu böse zu klingen: eine solche Aussage, wie Julia Engelmann sie tätigt, kann nur von einem wohlbehüteten jungen Mädchen mit wenig Weitsicht kommen. Was tun: ja. Was tun, was nicht unmittelbar was mit uns selbst zu tun hat: häää?

Julia Engelmann schildert ein wirkliches Problem einer Gesellschaft. Wir sind ausschließlich mit uns selbst beschäftigt, mit den Fehlern die wir machen könnten, mit dem, was wir verpassen könnten, mit Konsequenzen, die wir nicht aushalten möchten, mit Entscheidungen, die wir nicht treffen wollen. Wir, wir, wir…bedeutet soviel wie ich, ich, ich. Ich möchte, dass ICH irgendwas möchte, aber bitte nicht das Falsche. Ihre Antwort darauf ist: immer noch nichts entscheiden, nicht wirklich was wollen, nichts riskieren und aushalten, nicht mal wirklich nicht an sich selbst denken, sondern so lange wach bleiben, bis es wieder hell wird. Dazu fällt mir nur eins ein: „Was geht’n Schwesti?“. Eine Generation an den Pranger stellen und sie dann, als Antwort auf die großen Fragen „unseres“ Lebens und um frei zu sein, auf das höchste Dach der Stadt schicken?

Ich möchte ja kein Spielverderber sein. Spaß und Freiheit und zwanglose Leichtigkeit im eigenen Leben sind wichtig und schön, aber sie sind ein Privileg und ein Problem daraus zu machen, ist schon beinahe dekadent. Wenn das größte Problem unserer Generation das ist, dass wir uns nicht aufraffen können, unser eigenes Dasein zu feiern, dann möchte ich mich hiermit klar entscheiden, nicht dazugehören zu wollen. Entscheiden und wollen in einer Handlung. Und darüber hab ich auch noch nachgedacht. Irre!

Um ein kurzes Fazit zu einer langen und sicher nicht massenkompartiblen Meinung zu ziehen: Poetry Slam ist Bühnenkunst. Kunst liegt im Auge des Betrachters. Auf dieser Ebene kein Einspruch meinerseits. Als Gesellschaftsanalyse völlig berechtigt und es steht außer Frage, dass an diesem Text als Kunst irgendwas falsch wäre. Der reine Inhalt allerdings, der von mir als Mensch der beschriebenen Generation aufgenommen und verwertet wird, lässt mich aus zwei Gründen erschaudern. Einerseits, weil dieser Text in Verbindung mit der Performance eindeutig Wirkung zeigt, sofern man ihn so schnelllebig und unaufmerksam konsumiert, wie alle anderen Hypes, die über einen hinwegfluten. Und damit verbunden die andere Seite, denn es schockiert mich zutiefst, dass die Menschen, unter denen ich lebe, offenbar nichts anderes zu tun haben, als darüber nachzudenken, ob sie sich selbst nun auf dem Hausdach um die Ecke oder im wilden Nachtleben feiern sollen und daran verzweifeln. Und damit schließt sich der Kreis. Hier geht es um einen Hype. Um den Hype, den wir um uns selbst machen und darauf so viel Energie verwenden, dass die wirklich wichtigen Dinge auf dieser Welt einfach nicht mehr entschieden werden können. Zumindest nicht von „uns“.

Ob Julia Engelmann wirklich beabsichtigt hat, „Ihre“ Generation so dar – und bloßzustellen, möchte ich mir zu beurteilen nicht anmaßen. Am Ende bleibt es Kunst und die polarisiert…weil sie’s kann.

„Lass uns alles tun, weil wir können und nicht müssen.“ (Julia Engelmann)

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5 Gedanken zu “Yolo, Diggi!

  1. Sehr angenehmer Schreibstil und schlüssige Argumentation! Bin natürlich nur wegen diesem Hype hier gelandet. 😉 Wobei, angeklickt hab ich das Slam-Video zum ersten Mal in diesem Artikel. Ich will auch endlich mal slamen – und mich von dir kritisieren lassen.

  2. Hallo Philipp,
    das Verb zum Slam ist „slammen“. Das ist wie beim Rap. Da heißt es ja auch nicht „rapen“.
    Danke.
    Gute Nacht.

  3. Lieber Philipp,
    ob nun slamen oder slammen – such dir den nächsten Termin in deiner Nähe und ab auf die Bühne, dann klappt’s auch mit dem Hype. 😉
    Eine Vielzahl der Termine (leider nicht mehr alle) findest du unter http://www.myslam.net/de
    Viel Spaß und vielleicht sieht man sich dann bald mal irgendwo im Ländle.

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